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Rosa Koinig aus Linz (1922 - 2021): Die Frau mit den vielen Namen und Gesichtern

63 Jahre war Rosa Koinig alt, als sie für alle zur „Dadi“ wurde. So nannte sie zunächst ihre Urenkelin Romana, die viel Zeit bei ihr verbrachte. Gewohnt hat Dadi im 2. Stock eines Hauses ohne Lift. Kein Problem für Dadi, die sich auch noch selbst versorgte, als Romana ihr Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte und selbst zwei Kinder hatte. Für ihre beiden Ururenkerl Tobias und Emilia begab sich Dadi gerne hinunter auf den Bindermichler Spielplatz, stolz darauf, dass damit die erste und die fünfte Generation einer Familie beisammen sein konnten. Bevor Rosa zur Dadi wurde, war sie im Familienkreis die „Oma Tutzibum“. Diesen Namen erfand Enkelin Bettina, mit der sie ab 1967 viele Jahre lang unzertrennlich war, weil deren Mutter Christa berufsbedingt wenig Zeit hatte. „Tutzi-Bum“ stammt aus einem der vielen Spiele, mit denen sich Oma und Enkelin die Zeit vertrieben, gemeinsame Fahrten nach Lignano gehörten dazu und gelten noch immer als legendär. Als sie im steirischen Bezirk Feldbach auf einem Bauernhof geboren wurde, hieß „Oma Tutzibum“ Rosa Maria Fleischhacker. Als Hausmädchen vermittelte man Rosa nach Stuttgart, wo sie sich Hals über Kopf in Paul verliebte und ihm sogar schon die Ehe versprochen hatte, er aber in den ersten Kriegstagen tragisch verunglückte. Sie brach ihre Zelte in Stuttgart ab und zog zu ihrer Schwester als Kellnerin nach Judenburg. Endlich, es war 1946, konnte sie mit der „Liebe ihres Lebens“ Rudolf Koinig eine Familie gründen. Die Töchter Christa und Monika wurden zum Mittelpunkt, Rudolf fand Arbeit in der Voest, die Familie wohnte am Linzer Bindermichl. Dann die große Chance, den Duft der weiten Welt zu atmen: Rudolf wurde als Werkmeister für ein Stahlwerk in Indien gebraucht und die Familie durfte mitkommen. Nach einem Jahr interessantester Erfahrungen kehrte Rosa mit Tochter Monika zurück nach Linz, Christa, die ja schon 18 war, kam etwas später nach. Als Rudolf ein weiteres Jahr danach heimkommen sollte, erfasste ihn ein Virus und er starb einen Tag vor dem Heimflug. Diese abrupte Zäsur brachte das Leben Rosas völlig durcheinander. Ausgestattet mit einer bescheidenen Rente, war sie Garderoben-Dame im Volkshaus Bindermichl, engagierte sich bei den SPÖ-Frauen, ließ sich als Betreuerin und Heimleiterin bei den Kinderfreunden engagieren und trat als Seniorenheim-Betreuerin auf. Als durch und durch musikalische Frau, die Zither spielte und von klein auf immer wieder Hausmusik betrieben hatte, tanzte sie auch gerne mit der Volkstanzgruppe auf. Theaterbesuche gehörten in ihrem Alltag zum Pflichtprogramm. Rosa war 49, als sie einen Puppen-Baukurs besuchte. Das begeisterte sie so, dass sie ihre Tochter Christa animieren konnte, das ebenfalls zu probieren und mit dem Puppenspielen zu beginnen. Der Grundstein für das Linzer Puppentheater war gelegt. Zu denken ist diese Kunststätte nicht ohne Rosa und ihre Familie. Wann immer es sich schickte, lud sie Verwandtschaft und Freunde und kochte auf, dass es eine Freude war: Ihre Erdäpfelpuffer, das Kürbisgemüse, ihre Paprika-Henderl oder der besoffene Kapuziner werden als legendär gerühmt. „Dadi war eine charismatische und starke Frau. Sie hat uns ihre Kraft und Stärke weitergegeben“, sagt Tochter Christa. Rosa Koinig interessierte sich neben dem Theater und ihrer Familie nach wie vor für andere Länder, nahm gern an Ausflügen oder Wanderungen teil und hatte auch ihren Spaß an Wellness-Urlauben mit Tochter Monika. Bei einem Kurzurlaub im Mühlviertel lernte Rosa den Berliner Horst kennen, der sich zu einem treuen Reisebegleiter und Freund entwickelte. Um ihn in Berlin zu besuchen, musste noch die damalige DDR durchfahren werden. Einige Jahre wohnte Rosa daher in Berlin, später zog Horst zu ihr nach Linz. 2015 übersiedelte Rosa, die zu diesem Zeitpunkt längst „Dadi“ genannt wurde, in das Linzer Seniorenheim Spallerhof und sorgte für einigermaßen große Verwunderung, weil sie als erste Bewohnerin eine W-Lan-Verbindung einforderte und das Internet auch nutzte. „Sie war eine meiner Facebook-Freundinnen“, erinnert sich ORF-Radiolegende Gisela Schreiner an die immer lebhafte und rege Kommunikation mit Dadi. Mehr Zeit als im Internet verbrachte Dadi mit ihren Mitbewohnern im Heim, mit denen sie spielte und sang und auflebte, wenn irgendwelche Feste angesagt waren. Ihre beiden Töchter, die Enkelin und die Urenkelin waren an ihrem Totenbett versammelt und begleiteten sie, als sie friedlich einschlief.




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