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Ralph Crawford aus Linz (1937 - 2021: Eine Institution des Linzer Theaterchores

Die allermeisten Opernbesucher des Linzer Landestheaters müssten Ralph Crawford eigentlich gekannt haben, weil er als fixes Mitglied des Theaterchores bei so gut wie jeder Aufführung auf der Bühne stand. Freilich war sein Platz nicht in der ersten Reihe, sondern eben dort, wo die Regie den Chor haben wollte. Wie alle seine Kollegen war Crawford bei diesen Auftritten zum jeweiligen Stück passend außerdem verkleidet und maskiert. Möglich, dass ihn nicht einmal seine Gattin Andrea erkannt hat. Crawford war in Linz keine strahlende Berühmtheit, aber unverzichtbar als Tenor im Theaterchor. 38 Jahre stand er auf der Linzer Bühne und er bedauerte es 2007, als er fast 70-jährig in Pension ging, nicht mehr im Musiktheater auftreten zu können, das damals erst vor dem Baubeginn stand. Geboren wurde Crawford in einer musikalischen Familie in Kalifornien. Schon als kleiner Bub machte Ralph auf sein sängerisches Talent aufmerksam, das bei Familienfeiern zum Einsatz kam. Später, in seiner Highschool-Zeit fand er zwei Freunde, die seine frisch aufgekommene Leidenschaft für Opern des 19. Jahrhunderts teilten. Durch einen dieser Freunde lernte Ralph nach der Highschool eine Gesangslehrerin kennen, die ihm anbot, seine Stimme zu formen. „Dort hörten sie auch, was immer ihnen aus der Zeit zwischen die Finger kam: Wagner, Verdi, usw.“, verrät seine spätere Frau Andrea. Diese Freundschaften hatten übrigens bis zu seinem Tod Bestand. Um sich das Studium leisten zu können, heuerte Ralph als Verkäufer in einer Eisenhandlung an. Die Freundschaft, die er zu seinem damaligen Wohnkumpan entwickelte, hatte übrigens bis zu seinem Tod bestand. Natürlich wuchs in Ralph der Wunsch, nach seiner Ausbildung als Solist aufzutreten, zumal Tenöre schon damals gefragtes Gut waren. Seine Lehrerin drängte ihn, der sich eigentlich als lyrischer Tenor empfand, stark in das dramatische Fach, was er später als möglichen Fehler erkannte, wie seine Frau Andrea erzählt. Um bessere Chancen für ein Engagement zu haben, entschied sich Crawford zum Sprung über den großen Teich nach Europa. Von München aus absolvierte er mehrere Vorsingen, bis sich Linz meldete und ihm einen „Halb-Solo-Vertrag“ anbot. Er war 32, als er zusagte und zum Linzer wurde. Privat klappte es erst im dritten Anlauf dauerhaft. 1990 feierte er mit Andrea Hochzeit. Mit ihr teilte er seine Leidenschaft für das Reisen. „Wir waren jedes Jahr im Sommer zwei Monate drüben. So konnte Ralph sein Heimweh bei den Verwandten- und Freundesbesuchen stillen und neue Gegenden kennen lernen“. Verloren ging dabei nichts, weil ihr Mann inzwischen ein hoch beachteter Fotograf geworden war: neben dem Singen seine zweite große Leidenschaft, wie auch Kollegen zu spüren bekamen, etwa William Mason, früher Bassist im Landestheater: „Ralph hat jahrelang von der Seitenbühne aus exklusive Fotos von uns gemacht, es sind echte Unikate“. Mason hat Crawford als sehr engagiert und leidenschaftlich in Erinnerung, „er war zuverlässig und mit seiner relativ großen Stimme gut einsetzbar“. „Ein echter Bühnenmensch, spielfreudig und immer lustig“, pflichtet Jonathan Whiteley bei, ein ehemaliger Chorkollege, der als Amerikaner jedes Jahr mit den Crawfords Thanksgiving feierte und die Familien den von Ralph perfekt zubereiteten Truthahn verspeisten. Die Nachricht von seinem relativ plötzlichen Tod veranlasste viele Kollegen zu Trauerbotschaften an Ralphs Gattin. „Als sein ehemaliger Chef war ich von der Integrität und Ernsthaftigkeit seiner Arbeit immer begeistert“, schreibt etwa der damalige Chordirektor Georg Leopold. Fit bis zu einer notwendig gewordenen Krebsoperation verursachten Komplikationen eine massive Schwächung, der er vor wenigen Tagen erlag. Eingeschlafen ist er mit Musik des von ihm hoch geschätzten Jazz-Musikers Nat King Cole. Statt eines Begräbnisses wird sein Körper seinem Wunsch entsprechend der Medizinischen Universität in Wien überlassen.



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