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Prof. Dr. Hannes Leopoldseder aus Linz (1940 - 2021): Visionärer Medienmann

Aktualisiert: Feb 15

40 bergige Fahrrad-Kilometer kosteten es den jungen Hannes Leopoldseder jedes Jahr, um sich seine Ausbildung am Kollegium Petrinum in Linz zu finanzieren. Seine eigene kinderreiche Familie in Weitersfelden wäre nicht in der Lage gewesen, den hohen Preis für das Internat zu bezahlen. Aber die Gräfin Czernin-Kinsky aus Sandl nahm sich des begabten Burschen an und subventionierte ihn regelmäßig gegen Vorlage des Zeugnisses. Wenigstens darüber brauchte sich Hannes keine Sorgen zu machen, er war stets ein guter Schüler. So gut, dass so manche Verfehlung gegen die strenge Hausordnung nicht wirklich ins Gewicht fiel, wie Mitschüler wissen. Nicht einmal die Lektüre des damals in geistlichen Kreisen verpönten Literaten Albert Camus während des Gottesdienstes hatte für Hannes Leopoldseder schwerere Folgen. Die Literatur machte er nach der Matura neben Englisch zu einem seiner beiden Studienfächer, nach wie vor regelmäßig unterstützt von der großmütigen Gräfin, die ursprünglich wohl lieber einen angehenden Priester in ihm gesehen hätte. Kurz arbeitete Leopoldseder nach dem Studium in der Wiener Kirchenzeitung und als Lektor beim Wiener Domverlag. Sein Petriner Klassenkollege Hubert Gaisbauer war zu der Zeit bereits beim ORF und lud Hannes zu einer Buchbesprechung ein. Sie war der zündende Funke für den beruflichen Einstieg Leopoldseders 1967 in den ORF. Zunächst im Aktuellen Dienst Fernsehen tätig, übernahm er später die ZIB-Innenpolitik. 1974 wurde er zum Intendanten des Landesstudios Oberösterreich ernannt. In dieser Funktion zog er nachhaltige Spuren, auch gegen so manche Widerstände. Als besonders beharrlich erlebte er etwa die Fans des ehemaligen Wunschkonzertes, das er abschaffte, weil es nicht mehr dem Zeitgeist entsprach. Im Gegenzug wurde auf seine Initiative der lange Zeit beliebte Musikantenstadel eingeführt. Besonders interessierte sich Leopoldseder weit vor der Zeit für die neuen Medien. 1979 ging mit starker Mitwirkung Leopoldseders die erste Ars Electronica über die Bühne. „Er brennt für alles, was mit der Zukunft zu tun hat“, sagte einmal der bereits verstorbene Elektromusiker Hubert Bognermayr über seinen Freund. Dieses Interesse an der Zukunft würdigt auch ORF-Generdaldirektor Alexander Wrabetz: „In seiner Ägide hat er zu einer Zeit, als Begriffe wie Internet und Social Media noch nicht existierten, mit dem Festival Ars Electronica und dem Wettbewerb Prix Ars Electronica weltweit anerkannte Trade Marks geschaffen, die wesentlich zur internationalen Reputation unseres Landes beigetragen haben.“ Oder Kurt Rammerstorfer, der derzeitige Landesdirektor: „Hannes Leopoldseder war eine Galionsfigur. Er hat unser Haus über 20 Jahre geleitet und war ein Garant für vorbildlichen Journalismus. Leopoldseder hat den ORF OÖ in der oberösterreichischen und österreichischen Medienszene als fixe Größe etabliert. Darüber hinaus war er Visionär und hat sich mit der digitalen Entwicklung schon frühzeitig in den 80ern beschäftigt“. Großes Engagement zeigte Leopoldseder im Aufspüren talentierter Mitarbeiter, von denen Hans Bürger einer ist, der die ZIB-Innenpolitik leitet und seine ersten Spuren im ORF Landesstudio Oberösterreich gezogen hat: "Hannes hat mir über Jahrzehnte hinweg beigebracht, dass es letztlich immer um den „Menschen“ gehe. Bei allen Entscheidungen. Um die Herzenswärme und um seelische Wellenlängen." Ohne Hannes Leopoldseder gäbe es etwa keine Linzer Klangwolke. Leo liebte den Diskurs, auf deutsch: Man konnte mit ihm trefflich streiten, was in vielen Sitzungen ausgiebig und intensiv gemacht wurde. Böse ging kaum jemand von ihm weg, kurz nach dem Streit legte derselbe Intendant in der Kantine des Hauses seinem Kontrahenten wieder die Hand auf die Schulter. Das Land Oberösterreich hievte Leopoldseder auf den Vorsitz des Kulturbeirats, der später das Festival der Regionen ins Leben rief. Ermöglicht und mit seinem Nachfolger Helmut Obermayr entwickelt hat Leopoldseder weiters den neuen Weihnachtsbrauch „Friedenslicht aus Bethlehem“. Diese Initiativen lobt auch Landeshauptmann a.D. Josef Pühringer: „Durch sie hat Leopoldseder den ORF vom Informationsorgan zu einer gesellschaftlich bestimmenden Kraft weiterentwickelt.“ Seine letzten drei Dienstjahre bis 2002 im ORF arbeitete Leopoldseder als Informationsintendant in Wien. Ab 2008 lehrte er zum Thema Ars Electronica und seit 2009 war er Honorarprofessor an der Kunstuniversität Linz. Privat versuchte Hannes Leopoldseder möglichst gesund zu leben, sein Lebensstil wird übereinstimmend aber als äußerst bescheiden und anspruchslos bezeichnet. Aus erster Ehe hat Leopoldseder zwei Söhne, aus weiteren Beziehungen zwei Töchter. Das Covid-Virus setzte seinem nach wie vor voll engagierten Leben nach einem vor drei Wochen erlittenen Schlaganfall ein überraschendes Ende.




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