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Philipp Ernst aus Leonding (1986 - 2021): Erfülltes Leben trotz schwerer Beeinträchtigung

Wenn Philipp mit seinem Sportwagen angefahren kam, hätte niemand im Entferntesten geahnt, auf welch dünnem Eis sich sein Leben bewegte. Philipp liebte die Geschwindigkeit, war aber immer vorsichtig und unfallfrei unterwegs. Und er lebte sein gesamtes Leben „wie im Zeitraffer“, sagt seine Mutter Renate. Das PS-starke Auto war eines seiner wenigen Hobbys. Philipp Ernst litt an zystischer Fibrose, einer Krankheit, bei der Proteine den Salz-Wasser-Haushalt im Menschen stören und sich in Folge in der Lunge lebensgefährlicher Schleim bildet. Im Mittelalter galten solche Menschen als verhext, erst rund um Philipps Geburt begann sich die Medizin auf die Bekämpfung dieser Krankheit zu spezialisieren. Ungefähr 200 Personen leiden in OÖ. an dieser Krankheit, die ein überregionaler Selbsthilfe-Verein rund um Elisabeth Jodlbauer-Riegler bündelt. Philipps 1983 geborener Bruder war an derselben Krankheit gleich wenige Tage nach der Geburt verstorben. Bei Philipp erfuhren die Eltern, dass auch er daran erkrankt war, sechs Wochen nach dem Geburtstag. Sein erstes Jahr verbrachte Philipp wegen vieler Entzündungen fast nur im Kinderkrankenhaus, dann besserte sich sein Zustand und seine Eltern erlebten ihn als „sehr lustig, aufgeweckt und unglaublich interessiert“. Bestens verstand er sich mit seiner um fünf Jahre älteren Schwester und ließ die vielen Therapien, die natürlich ständig nötig waren, problemlos über sich ergehen. Auffällig war er insofern, als er jede Erklärung seiner Eltern sofort verstand und umsetzte und „immer wusste, was er wollte“, wie sie sich erinnern. Zum Beispiel wollte er trotz seiner offensichtlichen Hochbegabung definitiv nicht ans Gymnasium. Statt dessen absolvierte er in Leonding die auf Technik spezialisierte Hauptschule, um später EDV-Mann zu werden. Bei seinen vielen Spitalsaufenthalten machte er sich bereits dadurch einen Namen, dass er den Krankenschwestern nächtelang bei ihren PC-Arbeiten half. Eine Annonce der früheren Frauenklinik nach einem EDV-Spezialisten kam ihm gerade Recht, seine Bewerbung glückte und Philipp hatte einen guten Arbeitsplatz. Als Lehrlings-Ausbildner und später als IT-Teamleiter machte er Karriere, seinen Arbeitsplatz besuchte er äußerst gern, die coronabedingte Zeit des Homeoffice war ihm eher zuwider. Sein Chef Harald Gugerbauer lobt seine Hilfsbereitschaft und extrem guten Humor. In seiner Freizeit fuhr Philipp gern zu Konzerten, am liebsten zu Parov Stelar, aber auch zu Herbert Grönemayr oder zu den Rolling Stones. Neben ihm oft seine Wegbegleiterin Lene oder sein Freund Stefan Rauch aus Weitra. Die beiden waren ihm neben seiner Familie Stütze, auch wenn „Philipp selbst mehr gegeben als empfangen hat“, wie Stefan findet. Er war es, der sie immer wieder aufgemuntert hat, wenn sie an seiner gesundheitlichen Situation litten. Vielleicht schöpfte er seinen Optimismus aus all dem, was er an Behandlungen bereits erfolgreich hinter sich gebracht hatte: Eine Lebertransplantation mit 16, einen beidseitigen Nierentumor, eine schwere Diabetes. „Philipp hat verglichen mit anderen CF-Patienten so ziemlich alles ausgefasst, was es gibt“, sagt seine Mutter. Seine Ärzte am Klinikum Wels-Grieskirchen staunten oft, wie gut Philipp über seine Situation Bescheid wusste, sich im Internet bis ins Detail mit seiner Krankheit befasste und mit den Medizinern seine eigenen Therapien diskutierte. „Irgendwie war der Philipp der beste Spezialist für sich selbst“, meint sein Vater Horst-Reinhardt. Und wieder gab der extrem schlanke Philipp zu Hause nie den kranken Menschen, sondern bemühte sich um ein möglichst normales Leben. Er spielte gern mit Nachbarskindern oder mit dem Sohn seiner Schwester, genoss sein geliebtes Coca Cola, verweigerte standhaft einen Lift zu seiner Wohnung im 1. Stock des Elternhauses und freute sich, mit Lene hin und wieder einen Wellness-Urlaub zu erleben. Legendär war Philipps schwarzer Humor, auffallend auch seine Zurückhaltung, über sich selbst viel zu erzählen. Lieber gab er auf spezielle Fragen nach seiner Gesundheit Standardsätze zur Antwort wie: „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“ oder „Aufgeben tut man einen Brief, aber nicht die Hoffnung“. Dazwischen mehrmalige tägliche Inhalationen und Atemtherapien, in den letzten drei Jahren benötigte er daheim bereits Sauerstoff und oftmalige Absaugaufenthalte im Spital. Vor einem solchen Aufenthalte im vergangenen Dezember räumte er sein Büro und verabschiedete sich auffallend merkwürdig, so als ob er gespürt hätte, dass er nicht mehr wiederkehren würde. Auch zu Hause setzte er sich an diesem Tag in die Küche und seufzte: „Ich kann nicht mehr, mir geht’s so schlecht.“ Für seine Eltern ein weiterer Beweis dafür, dass das Leben ihres Sohnes „getimt, getaktet und geplant“ war. „Philipp versuchte zu genießen und das Beste aus seinem Leben zu machen, was er auch geschafft hat. Es war kurz, aber aufregend und erfüllt“, sagt sein Freund Stefan Rauch. Die Familie durfte Philipp in seinen letzten Lebensstunden begleiten und sich so gebührend verabschieden.



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