Suche
  • bert brandstetter

OMR Dr. Walter Hammerschick aus Timelkam (1923 - 2021): Ein Mediziner der alten Schule

Wenn Walter Hammerschick mit seinem Bruder plötzlich in tschechischer Sprache zu reden begann, hatten seine vier Kinder keine große Freude, weil sie meinten, Papa würde irgendwelche Geheimnisse besprechen. In Wirklichkeit fand er zusehends mehr Spaß daran, einfach in der Sprache zu reden, die in seiner Kindheit rund um ihn gesprochen wurde, obwohl die Erinnerung an vieles Erlebte für ihn verständlicherweise äußerst belastend war. Aufgewachsen im ehemaligen Rudolfstadt, das heute als Rudolfov zum südböhmischen Budweis gehört, besuchte er dort wie viele andere Kinder von Sudetendeutschen nach der Volksschule das Deutsche Gymnasium, in dem er 1942 maturierte. Der Krieg führte ihn nach Frankreich, in die Slowakei, nach Belgien und nach Deutschland, wo er bei Nürnberg am Ellbogen verwundet wurde. 1945 kam er in amerikanischer Gefangenschaft als Sanitäter zum Einsatz. Ein Zurück nach Hause war nicht möglich, alle Deutschen waren enteignet und aus Tschechien vertrieben, sein Vater wurde erschossen, weil er sich geweigert hatte, das Land zu verlassen. Walters Familie lebte inzwischen bei Verwandten in Freistadt, zu ihnen schlug er sich durch, arbeitete in der russischen Zone als Landarbeiter und erlangte endlich den österreichischen Pass. Beinahe wäre er als nun russischer Gefangener noch nach Sibirien verschleppt worden, das Kriegsende verhinderte diesen Plan im letzten Augenblick. Endlich startete Hammerschick sein Medizinstudium in Wien, er trat der CV-Studentenverbindung Rugia bei und promovierte 1954. An seiner Seite bereits Hedwig Pils aus Freistadt, die er 1951 am Pöstlingberg geheiratet hatte. Die Familie wuchs rasch an. Als Dr. Hammerschick als Turnusarzt in Steyr begann, war bereits die erste Tochter Margit dabei, in Steyr kam Gabi und ab 1957 in Timelkam, wo Hammerschick als praktischer Arzt begann, folgten die Söhne Andreas und Walter. „Seine ersten Visiten unternahm Vati in einem schwarzen VW-Käfer, der von einem Chauffeur gelenkt wurde“, erinnert sich Tochter Gabriele, die ihren Vater auch noch am Motorrad ausfahren sah. „Er war eigentlich immer im Einsatz und damit auch unsere Mutter oder meine ältere Schwester Margit, die daheim Telefondienst hatten“. Wie damals üblich, leistete Dr. Hammerschick nahezu alle medizinischen Behandlungen, „er zog Zähne, nähte Wunden und half bei Hausgeburten“, schildert Gabi, die in späteren Jahren seine Assistentin wurde. Einer, der seit der Geburt von Dr. Hammerschick betreut wurde, ist der heutige Bürgermeister Johann Kirchberger: „Er war so ein leutseliger Arzt, der sich für seine Patienten richtig Zeit genommen hat und nicht nur medizinische Sachen mit uns geredet, sondern sich auch ganz normal unterhalten hat. Einmal hat er mir eine Schulter eingerenkt.“ Bestatter Christoph Eckl hält seinen Firmgöd Hammerschick hoch in Ehren und vergisst nie sein bis zuletzt „verschmitztes und spitzbübisches Lächeln“. Begleitet wurde der Doktor, der bis 70 in der Praxis stand und erst 1993 in Pension ging, fast immer von einem seiner geliebten Hunde. Coco, Scotch und Benno hat er sie genannt, ohne sie wäre sein Leben nicht zu denken. Zeit fand der Gemeindearzt, der inzwischen zum Obermedizinalrat ernannt worden war, für die Musik. Sein tiefer Bass erklang sowohl beim Gesangsverein als auch im Kirchenchor, den jetzt Maria Starlinger dirigiert: „Er war mit Begeisterung und großer Zuverlässigkeit dabei. Wann immer es ihm möglich war, kam er sogar zum Begräbnischor. Nach den Proben setzte er sich mit den Sangesfreunden oft ins Gasthaus und gerne erzählte er auch den einen oder anderen Witz“. Reisen nach China, Südamerika, nach Feuerland, Afrika und Amerika brachten weiteren Schwung in sein Leben. Standen in Timelkam Ausflüge an, war Walter mit seiner Gattin gerne dabei. Aber Hedi, die er in ihrem letzten Lebensjahr pflegte, war 2001 verstorben. Seine Kinder empfanden es mit ihm als Glück, dass er mit Paula eine neue Partnerin fand, die er 2007 heiratete. Er selbst war nach einer Herzoperation, einer Krebserkrankung und einem Schlaganfall gesundheitlich durchaus angeschlagen, bezeichnete sich selbst aber stets als lebensfroh. Seiner Leidenschaft für gutes Essen und einem feinen Weißwein konnten die Krankheiten wenig anhaben. Hammerschick hielt sich fit durch Schwimmen und durch sein reges Interesse am Zeitgeschehen. Als er bis vor einem Jahr von slowakischen PflegerInnen betreut wurde, fand er Gefallen daran, mit ihnen sein ohnedies noch gut vorhandenes Tschechisch aufzupolieren. Das letzte Lebensjahr verbrachte er gut betreut im städtischen Seniorenheim Vöcklabruck. Seine Familie empfing er coronabedingt im Freien, das Virus setzte schließlich aber auch seinem Leben ein Ende, obwohl er so gerne noch seinen Hunderter erleben wollte.




137 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen