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  • bert brandstetter

Ludwig Wollinger aus Linz (1939 - 2020): Mit dem Landeshauptmann 45 mal rund um die Welt

Die vielen Stunden hat Ludwig Wollinger nicht gezählt, die er im Dienstauto mit Alt-Landeshauptmann Josef Ratzenböck verbracht hat, es müssen aber Jahre gewesen sein. Dafür wusste er genau, dass es mit den 8 Dienst-Mercedes 1,8 Millionen Kilometer waren. „Kein Unfall, keine riskante Situation, auch nie ein Strafmandat“, sagt Josef Ratzenböck: „Der Wollinger hatte meinen Auftrag, sich an alle Vorschriften zu halten“. Und das hat er getan, fast: Nach langen Verhandlungen in Wien begab sich Ratzenböck im Auto gerne in Schlafposition. „Meistens zog es mich um St. Pölten herum dann immer ein wenig nach vorn, als ich aufwachte. Da merkte ich, dass Ludwig Wollinger schnell das Tempo wieder auf 130 km/h verringerte, weil er zuvor um eine Spur schneller gefahren war“. Wollinger und Ratzenböck waren 22 Jahre lang ein schier unzertrennliches Duo. Halb Europa haben sie im Dienstwagen durchquert, weil damals Flugreisen noch ungewöhnlicher waren als heute. Und als richtiger Landesvater, der Ratzenböck war, hatte Wollinger seinen Chef in jeden Winkel Oberösterreichs zu fahren, wenn dort ein Termin auf dem Kalender stand. Am Steuer bekam Wollinger klarerweise die Landespolitik hautnah mit. „Er war ein Geheimnisträger erster Güte“, lobt Ratzenböck die absolute Diskretion seines Mitarbeiters, der ihm von früh bis spät und auch an den Wochenenden zur Verfügung stand. Erst später führte das Land fixe Aushilfsfahrer für Politiker ein. Ludwig Wollinger stand im Kollegenkreis in hohem Ansehen, weil er „immer angenehm, entgegenkommend und zurückhaltend war“, wie Hermann Dedl sagt, der früher für die Chauffeure die Ansprechperson im Landesdienst war. Ludwig Wollinger stammt aus Niederkappel. Als er 16 war, zog die Familie nach Lembach. Der Vater war Maurer, die Mutter kümmerte sich um die fünf Kinder. Der schon immer recht wissbegierige Ludwig war der Zweitgeborene. In Obermühl machte er die Ausbildung zum KfZ-Mechaniker, chauffierte beim Bundesheer den Stabsarzt und hernach in seiner Ausbildungsfirma den Werksdirektor. Als 1970 beim Land ein Chauffeur gesucht wurde, bewarb sich Ludwig und landete bald als Aushilfsfahrer beim damaligen Landeshauptmann Erwin Wenzl. Als Josef Ratzenböck 1973 Landesrat wurde, wechselte Wollinger für 22 Jahre auf dessen Fahrersitz. „Wick“ war zu dem Zeitpunkt bereits 12 Jahre lang mit Gattin Herta verheiratet. Mit ihr und den beiden Töchtern Renate und Eva lebte er in Linz, verbrachte die seltene Freizeit aber äußerst gern in Walding, wo er sich ein Wochenendhaus gekauft hatte. „Natürlich war Papa viel weg, er hat darüber aber kein einziges Mal gejammert, weil er seinen Beruf gelebt und geliebt hat“, sagt Tochter Renate Primetshofer. Unvergessen sind ihr viele Ausflüge an Orte, die er zuvor mit seinem Chef kennengelernt hatte und die er auch seiner Familie zeigen wollte. Einmal im Jahr ging es für ein paar Tage nach Grado, immer in dasselbe Hotel. Einige Ausflüge zu Kärntner Verwandten oder nach Südtirol kommen noch dazu, das war es dann aber auch schon mit der gemeinsam verbrachten Freizeit. Früher fand man Wollinger noch öfters in der Garage, wo er technisches Gerät oder alte Autos von Bekannten reparierte, deren Anlaufstelle er als technisch versierter Mensch häufig war. Später brummte er gelegentlich über die modern verbauten Motoren, an denen man nicht einmal mehr den Ölstand messen konnte. „Eigentlich war Papa aber sehr an modernen Technik interessiert. In seiner Pension begann er sogar am Computer zu arbeiten und auch das Handy hatte am neuesten Stand zu sein“, sagt Renate, deren Tochter dem Opa bereits zwei Urenkerl geboren hat. Ganz in Pension war Wollinger selbst in seinem Ruhestand nicht. Immer wieder stellte er sich seinem alten Chef als ehrenamtlicher Fahrer zur Verfügung, als dieser für den Seniorenbund eifrig unterwegs war. Die letzten Lebensmonate litt Wick an einem äußerst aggresiven Krebs. Josef Ratzenböck sprach ihm Mut und Trost zu. Das Gespräch wurde von der Familie aufgezeichnet und Wollinger ließ sich die Worte seines Chefs dreimal vorspielen, bevor er bald darauf friedlich sterben konnte.



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