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Karl Leibetseder aus Pupping (1943 - 2021): Der Hofschreiber und sein Anwesen im Eferdinger Becken

Stundenlang konnte sich der „Hofschreiber“, so der Hausname von Karl Leibetseders Hof in Wörth, in seinem Folientunnel aufhalten und dem „Gemüse beim Wachsen zuschauen“, wie es Tochter und Hofnachfolgerin Gabi Hinterberger bezeichnet. Nur sehen sollte ihn dabei niemand und er erlaubte sich diesen „Luxus“ erst in seiner allerletzten Lebenszeit. Auch mit seinen Enkelbuben genehmigte er sich Spaziergänge an Wochentagen erst zuletzt. Früher, so erinnern sich seine Töchter, gab es private Ausflüge nur sonntags. Das Ziel waren die weit verbreiteten Felder von Karl Leibetseder rund um Pupping. Sie zu bewirtschaften stellte eine gewaltige Herausforderung dar. War es früher Salat, Karfiol und Kolrabi, merkte Karl als junger Hofübernehmer in den 1970-er Jahren, dass damit zu wenig zu verdienen ist und er tüftelte an Alternativen. Der aufkommende Erdbeer-Boom kam ihm dabei gerade recht und der Hofschreiber war ganz vorne mit dabei, als die ersten Erdbeerfelder zum Selberpflücken einluden. Leibetseder suchte darüber hinaus aber auch nach einer Auslastung seiner Kapazitäten für den Winter und stieß dabei auf den Chicoreé. Auf Studienreisen nach Deutschland, Frankreich und Holland erwarb er sich das erforderliche Know How, bevor er das Risiko auf sich nahm, fünf Hektar seiner Ackerfläche diesem ganz speziellen Gemüse zu widmen. „Er war damit der erste und einzige in ganz Österreich“, bewundert Tochter Gabi den Mut ihres Vaters, der damit zumindest für etliche Jahre auf das richtige Pferd gesetzt hatte, bis sich ab 2012 wieder andere Produkte als wirtschaftlich sinnvoll erwiesen. Karl Leibetseder war immer am Suchen und Überlegen, was wo am besten gedeihen würde und zu verkaufen wäre, in ihm steckte wie in vielen erfolgreichen Bauern ein unternehmerisches Gen. Gerne bediente er sich bei seinen Unternehmungen seiner Berufskollegen. „Du, ich möchte dich was fragen“, begann er seine Unterhaltungen mit ihnen regelmäßig, wann er etwas benötigte. „Der Hofschreiber kam, stets bekleidet mit einem grünen Arbeitsmantel, immer persönlich, er benutzte dazu nie ein Handy“, sagt Gemüsebauer Nikolaus Reisenberger, der dem Hofschreiber mit dem Maschinenring oft helfen konnte. „Er war ein sehr wirtschaftlich denkender Bauer und ein absoluter Ehrenmann“, beschreibt er Leibetseder und Kollege Franz Uttenthaler ergänzt durch die Prädikate „tüchtig, verlässlich und fleißig“. Gemüsebauern im Eferdinger Becken sind auf Erntehelfer angewiesen. Beim Hofschreiber tummelten sich in der Hochsaison bis zu 50 davon auf der 50 Hektar großen Erntefläche. Sie kamen aus Polen und besonders aus der Ukraine. Manche fühlten sich nach vielen Jahren bereits zu Hause beim Hofschreiber, wohl auch, weil er sie gut behandelte. Eines Tages setzte sich Leibetseder mit seiner Frau Josefine in einen Bus dieser Erntehelfer, um der Einladung eines ukrainischen Freundes zu folgen und dessen Heimat kennen zu lernen. Umtriebig war Karl Leibetseder von Kindheit an. Schon als Schulbub sammelte er mit einem Leiterwagen Eisen aus dem 2. Weltkrieg und machte es zu Geld. Später war er ein gefragter Mechaniker für Traktoren oder liegengebliebene Autos. Zusätzliches Einkommen schöpfte er als Eisstecher an der Aschach für das Eferdinger Bräuhaus. 1970 stand Karl vor der Situation, nach dem plötzlichen Tod seines Vaters den großen Hof übernehmen zu müssen, nachdem seine Mutter schon neun Jahre zuvor gestorben war. Die Ehe mit Josefine 1972 brachte frisches Leben ins Haus, vier Töchter wurden geboren und der immer äußerst bescheiden gebliebene Hofschreiber fand endlich etwas Zeit, seine Hobbys wie das Sammeln alter Kofferradios zu pflegen, die er beim Besuch von Flohmärkten aufstöberte. Auf dem Dachboden seines Hofes lagerte sogar ein im Krieg abgestürztes Flugzeug. Jeden Sonntag war der Stammtisch nach dem Gottesdienst ein Pflichttermin für Karl. „Wir haben uns gut verstanden, selten gestritten und uns gern über die Landwirtschaft, über Traktoren und Autos unterhalten“, erzählt Rudi Schweizer über diese Treffen. Fast einem Ritual kam es gleich, wenn Leibetseder jeden Morgen seinem Hofhund ein Butterbrot und der Katze eine Scheibe Wurst verabreichte. 2016 übergab der Hofmeister den Betrieb an seine Tochter Gabriele, die zunächst etliche Flächen verpachtete, mit ihrem Mann Bernhard aber jetzt begann, den Hof quasi neu als Direktvermarkter zu starten. Ihr Vater sah darin nicht nur „ka Problem“, wie er immer sagte, sondern er war mit Riesenfreude dabei. Voller Eifer schmiedete er so wie früher Pläne, welches Gemüse jetzt wo am besten gedeihen würde und am letzten Nachmittag vor seinem Herzinfarkt fräste er sogar noch die Erdbeeren.






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