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  • bert brandstetter

Josef Weiß aus Wels (1930 - 2021): Ein liebevoller Patriarch

Aktualisiert: Feb 9

Ganz sicher sind sich die Töchter anfangs nicht, ob die Überschrift mit dem lieben Patriarchen wirklich passt für ihren Vater, aber dann doch: „Er war ja wirklich ungemein liebevoll zu uns Dreien und im Geschäft hatte seine Stimme immer viel gegolten, er war der Chef“. In seinen 35 Jahren als Orthopädie-Schuhmachermeister hat er sechs Lehrlinge und elf Gesellen eingestellt, elf haben es sogar zum Meister gebracht. Einer von ihnen ist Peter Führlinger aus Bad Leonfelden und Freistadt: „Der Josef Weiß war einer meiner wichtigsten Mentoren, er hatte eine ungemein positive Ausstrahlung. Seine Werkstatt war für uns Gesellen wie ein Wohnzimmer“. Josef Weiß hat „seinen Buben“, wie er die Lehrlinge und Gesellen nannte, viel abverlangt, sie aber zugleich zu hundert Prozent ernst genommen. „Sein Leben war die Arbeit, er war Handwerker mit Leib und Seele, hatte großes medizinisches Verständnis und sich über die Qualität seiner Arbeit definiert“, streut ihm einer Rosen, der die Orthopädie als Mediziner betreibt und seine Ordination gegenüber der Werkstatt führt: Dr. Franz Hummer. Oft und oft hatten die Beiden miteinander zu tun, wenn es um Speziallösungen für schwierige Patientenfüße gegangen ist und ihre Arbeit war von gegenseitiger Wertschätzung getragen, von der letztendlich die Patienten profitiert haben. Seine Heimat hatte Josef Weiß ursprünglich in Steinbach am Ziehberg. Entbehrung und Hunger waren die Begleiter des ohne leiblichen Vater aufgewachsenen Buben. Aus wirtschaftlichen Gründen musste ihn die Mutter bald nach der Geburt zu Pflegeeltern geben. In Pettenbach fand er einen Lehrplatz, nur zufällig war es der eines Schuhmachers. Als junger Meister zog Weiß 1950 nach Linz und knüpfte seinen ersten Kontakt zur Kolpingfamilie. Weil er als Trompeter in die Kolping-Blasmusik passte, wies man ihm einen Schlafplatz in einer Bombenruine zu. Kolping wurde dennoch oder trotzdem zu einer Ersatzfamilie für ihn, der er 70 Jahre die Treue hielt, viele Dienste übernahm und dafür mit der Ehrenmitgliedschaft belohnt wurde. Beruflich ließ sich Weiß in seinen Linzer Jahren zum Orthopädie-Schuhmachermeister ausbilden und er gründete 1958 seine eigene Firma. Zunächst arbeitete er in Thalheim, später in Wels in der Dr. Koss-Straße und schließlich am jetzigen Standort in der Wallererstraße. Im selben Jahr 1958 heiratete er Rosa, die er bei Kolping als Köchin kennengelernt hatte. Rosi, Renate und Monika waren die Töchter des Paares. Für sie tat er alles, vor allem brachte er ihnen die Achtung für den Wert eines Brotstückes bei, aber auch die Gewohnheit, vor dem Essen ein Tischgebet zu sprechen. Weiß war anspruchslos, was das Essen betraf. Ihm schmeckte alles, nur Leitungswasser lehnte er ab. Davon habe er als Kind genug getrunken, lautete seine Begründung. Die Firma wuchs und Weiß übernahm nach und nach Funktionen in der Berufsvertretung. So war er viele Jahre stellvertretender Landesinnungsmeister und durfte dafür die silberne Ehrennadel der Wirtschaftskammer heimtragen. Die Stadt Wels würdigte sein Wirken mit der goldenen Verdienstmedaille. 1992 war Schluss, mit 62 übergab er seine Firma an Tochter Monika und ihren Mann Gerhard Sperl. In der Pension fand er Gelegenheit, sich ganz auf die Familie zu konzentrieren. Mit Kindern und Enkeln fuhr er oft nach Going zum Schifahren, den Enkeln war er ein gewissenhafter Fahrradlehrer und er selbst befasste sich mit Mundartgedichten, „damit das Hirn nicht verrostet“, wie er immer sagte. Auch an der Ziehharmonika versuchte er sich, in den letzten Jahren nahm er noch Unterricht für seine elektronische Orgel. Vor allem aber betätigte sich Weiß auf seinem heißgeliebten Fahrrad als Transporteur von Werbesendungen, der Kolpingpost oder diverser Einkäufe. Der plötzliche Tod seiner Frau ließ ihn um 30 Kilo abmagern, er fand aber noch Zeit für sein geliebtes „Stöberlschmeißen“. In den letzten Monaten ließ seine Sehkraft nach und es hätte ihn wohl auch wegen anderer gesundheitlicher Probleme eine schwierige Zeit erwartet. Sein friedlicher Tod bedeutet auch in dieser Hinsicht für ihn und seine Familie mit den sechs Enkeln und den drei Urenkeln eine verdiente Erlösung.




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