Suche
  • bert brandstetter

Josef Martl aus Andorf (1935 - 2020): Ein Bäcker aus echtem Schrot und Korn

Begeisterte Bäcker können das Backen offenbar nicht lassen. Das sieht man in der Fernsehwerbung, wenn ein Bäcker zu Hause gedankenverloren sogar die Puppenzöpfe seiner Tochter flechtet. Zu Hause am Herd zu stehen war aber auch ein Markenzeichen von Josef Martl. Wie bei allen Bäckern begann sein Tag zeitigst in der Früh. Es war keine Seltenheit, dass er gegen Abend wieder in der Küche stand. „Der Papa hat oft und gut gekocht, natürlich auch gebacken“, erinnert sich sein gleichnamiger Sohn Josef Martl. „Unheimlich viele Kekse hat er daheim für die ganze Verwandtschaft fabriziert und immer wieder auch einen herrlichen Brioche“. Warum er Bäcker wurde, weiß die Familie nicht mehr so genau. Als Sohn eines Rieder Schneiders kam er nach der Hauptschule in eine Andorfer Bäckerei, die beinahe so etwas wie seine zweite Familie wurde. Dort wohnte er und dort arbeitete er. Arbeit, das hieß damals nicht nur in der Backstube zu stehen, sondern auch mit dem Fahrrad zu den Käufern ins Gai zu fahren. Dass es dabei vor allem im Winter mitunter zu spektakulären Stürzen kam und alle Semmeln auf der Straße landeten, versteht sich. Besonders gern verkaufte Josef Martl sein Gebäck im Andorfer Gasthaus Brandl. Der Grund war eine hübsche Küchenhilfe namens Marianne, die er 1957 heiratete. Drei Kinder wurden ihnen geschenkt, wenige Jahre später sollte noch ein Pflegekind dazukommen, das die Martls schließlich adoptierten. Nach einigen beruflichen Wechseln zwischen Andorf und Ried landete Martl schließlich als 1. Geselle in der Andorfer Bäckerei Fritsche, der er 25 Jahre diente. Dass sein Sohn Josef dort ebenfalls als Lehrling einstieg, war dem Vater nur recht, „sehr viel gesagt hat er ja nie“, erzählt Josef, der später die Matura nachholte und Psychologe wurde. Auch als sein Josef an der Universität Wien zum Magister spondierte, war der Vater dabei, „es wird ihm schon gefallen haben, vielleicht war er auch ein wenig stolz“, vermutet Josef jun. Genauso war Martl senior anwesend, als sich sein Sohn erfolgreich als Kabarettist versuchte. „Vater scheint zufrieden gewesen zu sein, er hat sich die Leute angeschaut, aber wieder nicht viel gesagt dazu“. Wichtig war Josef Martl die erbrachte Leistung. Wenn es sein musste, ging er auch halbkrank zur Arbeit, ohne lang zu murren oder zu jammern, weiß die Familie. Als ihr „großer Bruder“ wurde er geachtet und geschätzt von seiner um 9 Jahre jüngeren Schwester Annette Kitzmüller: „Er hat mir als Kind beigebracht, mit Messer und Gabel zu essen und war auch später immer für mich da“. Annette weiß aber auch noch seinen Spruch in schwierigen Zeiten: „Dirndl, da müss ma durch!“ In seiner Freizeit bastelte Martl gern an seinen Krippen. „15-20 davon wird er schon gemacht haben“, schätzt sein Sohn, der ihm in früheren Jahren gern dabei geholfen hat. Ein weiteres Hobby war die beachtliche Kleinbahn Modell-Anlage, Gasthäuser hat Martl dafür eher gemieden. Unverzichtbar war ihm freilich der sonntägliche Kirchgang, bei dem die Kinder hinter den Eltern mitzugehen hatten. Mit 57 Jahren ging Martl in Pension, um sich fortan ganz der Pflege seiner erkrankten Marianne zu widmen, die 2002 starb. Stand er früher daheim eher hobbymäßig am Herd, wurde dies seitdem zur Pflicht, die Josef wieder ohne lange zu klagen erfüllte. „Mein Vater hatte ein großes Herz. Obwohl er ein eher sparsames Leben führte, zeigte er sich den Enkelkindern gegenüber sehr großzügig und unterstützte sie immer wieder“. Nichte Claudia bestätigt das: „Onkel Josef hat mir immer irgendetwas Nettes mitgebracht“. Gerne wäre Josef Martl der erste Patient seines Enkelsohnes Daniel geworden, der demnächst sein Medizinstudium abschließen wird. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen.



89 Ansichten1 Kommentar

0043 664 4559171

©2019 Gute Nachrede. Erstellt mit Wix.com