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Stefanie Brandstetter aus Neumarkt i.M. (1919 - 2017): Herrin über Haus und Tiere

Aktualisiert: 20. Dez 2019

Gehorsam und Pflichterfüllung waren ein wichtiges Prinzip der Familie Ruml in Helfenberg. Immerhin galt es, 10 Kinder unter einen Hut zu bringen und das bei bloß einem Einkommen. Vater Josef war Schmied und in der Kriegszeit Bürgermeister von Helfenberg, seine Kinder gerade quirlige Teenager. Um sie beisammen zu halten, gab er, der für seine Gemeinde aus dem hauseigenen Kraftwerk auch die elektrische Energie lieferte, seinen Mädchen die Devise aus: „um 22 Uhr seid ihr daheim!“ Pünktlich wie die Uhr begannen um 22 Uhr die elektrischen Birnen zu zucken und jedermann wusste: entweder die Ruml-Dirndln gehen heim oder das Fest ist zu Ende. Was sich Jahrzehnte später lustig anhört, prägte Stefanie grundlegend. Disziplin, Pünktlichkeit, Genauigkeit, das waren ihre Prinzipien. Sie kamen ihr zu Gute, als sie eine erste Anstellung bei der Post fand, die später eine Arbeit als Postamtsleiterin im fernen Liebenau ermöglichten. Dort sollte sich ihr Leben neuerlich nachhaltig verändern, als sie den Gendarmen Berthold Brandstetter kennenlernte. Die beiden heirateten, bekamen Kinder und zogen nach Neumarkt im Mühlkreis, wo sie mit viel eigener Kraft und viel Verzicht ein bescheidenes Haus für ihre inzwischen drei Kinder bauen konnten. Worauf Stefanie verzichten musste, war ein eigener, selbständiger Beruf. Quasi als Ausgleich baute sie sich zu Hause ihr Reich auf, in das einzudringen nur wenige die Chance hatten. Sie dirigierte den Haushalt, bestimmte den Weg ihrer Kinder und sie wurde zur allseits gesuchten Pflegerin kranker Tiere. Ständig hatte sie irgendwelche flugunfähige Tauben, behinderte Enten, andere Vögel oder Schildkröten in Pflege, bis sie wieder zurückgegeben werden konnten. Treue Partner waren ihre Hunde Wasti, Jerry und später Bim. Sie waren so legendär, dass ihr sogar ihre Enkelkinder die dazupassenden Namen verliehen: einmal hieß sie Wasti-Oma, dann Jerry- oder Bimoma. Allgemein galt sie in Neumarkt als Frau Inspektor, besonders enge Freunde erhielten das Privileg, zu ihr Tante Steffi zu sagen. In ihren guten Jahren war sie eifriges Mitglied beim Kirchenchor, dem sie ihre Stimme sogar als Altsolistin lieh, später verstärkte sie den Begräbnischor. Gerne trat sie immer wieder mit ihrer Zither auf, gab jungen Mädchen darin Unterricht und erfreute später die Senioren mit dem einen oder anderen Stück. Ihren Kindern war sie Lieferantin wertvoller selbstgestrickter Pullover und Produzentin herrlicher deftiger Hausmannskost. Die fortschreitende Erblindung machte ihr samt der Gehbehinderung zusehends zu schaffen, vor allem der Umstand, nicht mehr alles selbst dirigieren zu können, sondern den geliebten Haushalt mehr und mehr fremden Betreuerinnen überlassen zu müssen, machte sie mürbe und unzufrieden. Sie waren es aber zugleich, die ihr die Übersiedelung in ein Altenheim ersparten.



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