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  • bert brandstetter

Helmut Michel aus Leonding (1934 - 2020): Guter Start in der zweiten Heimat

So schön und geborgen das Leben von Helmut Michel begonnen hat, so abrupt wurde die Idylle durch eine verheerende Politik unterbrochen. In Friedland, dem heutigen Frydlandt v Cechach in Nordböhmen, betrieb Vater Josef Michel eine Drogerie, Mutter Maria kümmerte sich um Helmut, der die Bürgerschule besuchte, und um die sechs Jahre jüngere Waltraud. Bis zum Freitag, den 13. Juli 1945. Tschechien machte die Benes-Dekrete geltend und jagte alle Sudetendeutschen aus dem Land. „Um 10 Uhr erhielten wir den Befehl, dass wir um 13 Uhr auf dem Bahnhof sein müssten. Mit höchstens 30 Kilo Gepäck, das wir auf einem Leiterwagerl mitzogen“, weiß Waltraud Baumann, die Schwester von Helmut Michel. „Am Bahnhof wurde uns das ganze Gepäck abgeknöpft, nur die Rucksäcke sind uns geblieben“, erzählt sie. Der Zug führte die Vertriebenen in das völlig zerbombte Dresden. Oft berichtete Helmut davon, dass ein Soldat die Porzellanpuppe seiner Schwester mutwillig zerschlagen hat. Weiter in Halle an der Saale fand der Vater kurz in einer Fabrik Arbeit, mehr Sicherheit versprach sich die Familie aber in Nürnberg. Verwandte aus Leonding rieten ihnen die Flucht nach Österreich, mit Schleppern gelang das gefährliche Unterfangen. Er möge doch um Brot betteln gehen, wurde Helmut damals aufgefordert, aber er weigerte sich: Lieber würde er verhungern, als sich so zu erniedrigen, habe er gesagt. 1945 landeten die Michels bei Familie Weigl am Leondinger Obermayrgut. Dort fanden sie Aufnahme und ein erstes Zuhause nach der qualvollen Flucht. Helmut war ein heller Kopf, er startete seine weitere Schullaufbahn im Linzer Fadingergymnasium. Der chronische Geldmangel seiner Familie ließ das Unternehmen scheitern, stattdessen begann er eine Drogistenlehre in Traun. Auch Vater Josef, der die ersten Jahre in der Rotation der Druckerei im Landesverlag gearbeitet hatte, konnte schließlich eine Drogerie in Leonding eröffnen. Helmut fand seine erste Stelle allerdings in der Drogerie Schwarzer Panther in Linz, bevor er 1967 den Betrieb seines Vaters übernahm. Die Arbeit in der Drogerie brachte Helmut privates Glück. Ganz zufällig lernte er die Tirolerin Hildegard kennen und lieben. 1956 wurde Hochzeit gefeiert, die Söhne Helmut und Gerhard kamen bald danach, zehn Jahre später auch noch Nesthäkchen Birgit. Endlich fand Helmut Zeit für seine Hobbys. In der Männer-Liedertafel machte er den Ersten Bass und „er war nicht nur ein absolut treuer Sänger, sondern auch Vizeobmann des Gesangvereins“, sagt Uwe Christian Harrer, mit dessen Vater Alois Helmut nicht nur sängerisch eng befreundet war. Engagiert hat sich Helmut Michel mit viel Energie für die Leondinger Pfadfinder. Er half, sie wieder zu reaktivieren und besetzte mit seiner Frau und den Söhnen und später sogar mit den Enkelkindern wichtige Stabsstellen. „Wann immer ich in Leonding war, habe ich gern in der Drogerie auf ein Plauscherl zu Herrn Michel vorbeigeschaut“, erzählt Wolfgang Past, einer der ehemaligen Pfadfinder. Mit seiner Familie unternahm Helmut Michel unzählige Reisen mit dem Wohnwagen. Reisen, Fotos machen, Menschen kennen lernen und diese Kontakte auch lange halten: das war die Spezialität des immer und an allem interessierten Menschen. Natürlich besuchte Helmut auch die alte Heimat Friedland, wo noch ehemalige Bekannte wohnen. Dass Sohn Gerhard 2015 und Gattin Hilde 2018 verstarben, setzte ihm schwer zu, die Lebensfreude ließ er sich aber nicht nehmen. Solange es ging, stand er in der Drogerie, die er längst an seinen Sohn Helmut übergeben hatte und pflegte auf diese Weise seine Kontakte. Wenige Monate war er schwer krank, seine Familie bat er inständig, sich seinetwegen ja keine Umstände zu machen. Am Krankenbett hing eine Landkarte, schließlich wollte er den Urlaubsort eines Enkels in Norddeutschland gerne sehen. Stimmig und berührend war sein Abschied, als Uwe C. Harrer an der Orgel über das Böhmerwaldlied improvisierte.



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