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  • bert brandstetter

Franz Lindner aus Natternbach (1927 - 2020): Er hat die Hölle von Stalingrad überlebt

Man könnte nicht behaupten, dass die Hofräte der Landesregierung sehr glücklich gewesen wären, wenn der Natternbacher Bürgermeister wieder einmal bei ihnen vorbei geschaut hat. Denn es hatte sich längst zu ihnen durchgesprochen, dass dieser Herr eine ganz besondere Beharrlichkeit an den Tag gelegt hatte, wenn es um eines seiner Projekte gegangen war, zum Beispiel um den Ausbau einer Straße. „Wenn er wieder einmal eine Ablehnung erfahren hatte, drehte er sich noch im Büro des Hofrates um und sagte: „Gebaut muss die Straße aber werden“, erinnert sich Gustav Dornetshumer, ein schier lebenslanger Freund und Begleiter Lindners. Dabei waren gerade die Straßenbauten keine einfache Sache. „Mit viel Verhandlungsgeschick und ein paar Schnapserln hat der Franz das aber immer wieder hingekriegt“, sagt Dornetshumer, der mit Lindner gemeinsam in Jugendtagen nicht nur Steinschleudern verscherbelt hatte, sondern auch gemeinsam auf Brautschau gefahren war, ohne dass die Freundschaft zerbrochen wäre. Im „Match“ mit den Hofräten setzte Lindner insgeheim auf eine unverbrüchliche Schützenhilfe von ganz oben, war doch der damalige Landeshauptmann Josef Ratzenböck einer seiner Klassenkameraden in der Volksschule: „Wir beide hatten zahlreiche private Begegnungen bei vielen Festen, haben uns immer gut verstanden und ich trauere sehr um den Franz“, sagt Ratzenböck. Aufgewachsen ist Franz am Natternbacher Moargut in Hungberg. Gleich nach der schulischen Ausbildung wurde er mit knapp 17 Jahren in den Krieg einberufen. Während sein Bruder Hans bald als gefallen gemeldet wurde, verschlug es Franz nach Stalingrad. Er überlebte die unbeschreibliche Hölle, kam in Gefangenschaft und machte sich mit zwei Kameraden auf die Flucht nach Hause. „In russischen Kleidern schlugen sie sich meist in der Nacht durch bis nach Hause, wo sie ausgehungert und erschöpft ankamen“, wie Sohn Gerhard erzählt. Gleich danach übernahm Franz den elterlichen Hof und heiratete seine Maria. Gerhard und Manfred heißen ihre Buben, wobei Manfred frühzeitig verstorben ist. Franz war gerade 40, als der Ruf an ihn erging, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren. Gleichzeitig mit seinem Eintritt in den Gemeinderat wurde er zum Bürgermeister gewählt und er entwickelte Natternbach zur führenden Tourismusgemeinde des Landes. Urlaub am Bauernhof, der Ausbau der Straßen, die Schaffung von Arbeitsplätzen: in allem legte Lindner Spuren, die bis heute spürbar sind. Nicht zu vergessen sein Einsatz für die Volks- und Hauptschule, den Kindergarten oder das Feuerwehrhaus und die neue Sportanlage. Der Meistertitel der Sportler, die Zufriedenheit vieler Schüler und Lehrer waren sein Lohn. „Lindner war ein richtiger Kommunalpolitiker der alten Schule“, bewundert ihn der jetzige Bürgermeister Josef Ruschak gleichermaßen wie Alois Strasser, ein jahrelanger Kollege im Gemeinderat und persönlicher Freund: „Franz war ein Mann zum Pferdestehlen, lustig, sportlich und human.“ Strasser erwähnt auch die sehr lustigen Seiten seines Freundes, der in Gesellschaften gern so manches Lied angestimmt hat, wie „Dirndl, geh her zum Zaun“. Strasser erinnert sich an so manche versuchte Ablehnung der Landesstellen, wenn Lindner eine Vorsprache erzwingen wollte. Doch seine Antwort habe dann doch immer wieder so manche Türe geöffnet: „Ein Natternbacher Bürgermeister hat nicht so viel Zeit“. Über alle Parteigrenzen hinweg war Franz Lindner hochgeachtet, so war es keine Verwunderung, dass er gleich nach seinem Ausscheiden aus dem Amt 1988 zum Ehrenbürger ernannt wurde und das Goldene Verdienstzeichen der Republik erhielt. Beinahe schien es, als hätte Franz nach seiner Pensionierung ein neues Leben begonnen, meinen manche Freunde. Er saß auf vielen Stammtischen, mit Vorliebe bei den jungen Leuten, weil er ja auch überall dazugehörte und unternahm mit dem Seniorenbund viele Reisen. „Der Lindner Franz war ein richtiger Sir, sehr galant zu den mitreisenden Damen“, erinnert sich Busunternehmer Gust Heuberger, den Lindner damit schwer beeindruckte, dass er „über die Geschichte von Natternbach wirklich alles wusste und das als begnadeter Unterhalter auch gerne preisgab“. Daheim auf dem Hof bewunderte Lindner die Entwicklung zur Firma Biotech Umwelttechnik, die sein Sohn erfolgreich zum Weltmarktführer aufgebaut hatte. Anstatt sich dabei groß einzumischen, beteiligte er sich regelmäßig an Asphalt- oder Eisstockschießen und am Kegelscheiben seiner Freunde, was er bis kurz vor seinem Tod erleben durfte. „Krank war der Franz nie“, sagt sein Freund Gust Dornetshumer. „Fit wie der Franz war, konnte man bei ihm mit dem Hunderter rechnen“, meint Lois Strasser. Und doch: Innerhalb von drei Wochen wurde sein Körper schwach und Franz schloss die Augen, betrauert von seiner Familie, den drei Enkeln und den drei Urenkeln und von allen, die ihn in Natternbach und Umgebung gekannt und geschätzt haben.






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