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  • bert brandstetter

Fini Gebetsberger aus St. Thomas am Blasenstein (1939 - 2020): Originelle Wirtin mit großem Herz

Aktualisiert: 20. Dez 2020

Wahrscheinlich haben die Eltern von Fini einfach übersehen, dass das kleine Mädchen nach einer Masernerkrankung Probleme mit dem Sehen hatte. In der Bäckerei, dem Gasthaus und der dazugehörenden Landwirtschaft war einfach zu viel zu tun. Erst einer Volksschullehrerin fiel die massive Fehlsichtigkeit auf, sie packte das Mädchen und fuhr mit ihm kurzerhand nach Linz zu einem Augenarzt. Genützt hat das leider nichts, trotzdem konnte Fini nach der Hauptschule die Haushaltungsschule in Baumgartenberg abschließen. Als einziges Kind wurde sie daheim im Gasthaus als Kellnerin unter ihrem Vater benötigt. Erst nach dessen Tod 1959 schloss Fini ihre Kellner-Ausbildung in Gmunden ab. Sie war erst 25, als ihr die Mutter den Betrieb übergab und Fini sich zur allseits beliebten und überaus großzügigen Wirtin entwickelte. So übernahm sie für längere Zeit die Konsumationskosten für einen der letzten Mühlviertler Einleger und lud sogar dessen Sachwalter noch auf ein Getränk ein. Eingeladen wurden von ihr geradezu selbstverständlich Jugendliche, die ihr Ballkarten verkauften oder die Volkstänzer: Sie bekamen Gratis-Schnitten aufgewartet, wie Schnitten überhaupt bei Fini eine begehrte Wegwarte waren, an die sich Schulkinder erinnern, wenn sie beim Gebetsberger-Wirtshaus vorbeigingen. Zu einer Ehe ist es bei Fini nicht gekommen, zu heikel war dazu vielleicht ihre Mutter, umso herzlicher widmete sich Fini daher ihren Gästen. Der Wirtshausbetrieb wurde pensionsbedingt vor 25 Jahren beendet, einsam war Fini dennoch nicht, weil nach wie vor Gäste zu ihr auf Besuch kamen und sie Gastgeberin spielen konnte. Umgekehrt war sie Nutznießerin, als sie heuer im ersten Lockdown von den Nachbarwirten des Gasthauses Ahorner versorgt wurde. Gerne brachte man Fini das Essen hinüber, weil ihre Kräfte immer schwächer wurden. Mit einer Mahlzeit kam sie, bescheiden wie sie war, zwei, drei Tage aus. Helene Ahorner tat das gerne „für die beste Nachbarin, die man sich vorstellen kann“, wie sie sagt. In den letzten zehn Jahren pflegte Fini ihre Mitzi, ihre Bedienstete seit der Übernahme des Wirtshauses, trotz ihrer starken Sehbehinderung. Deren Tod Ende Mai heurigen Jahres, machte ihr schwer zu schaffen, genauso wie der Umstand, dass sie Mitzi zuletzt coronabedingt nicht mehr im Seniorenheim besuchen durfte. Groß war ihre Sorge um ihren Kater Cleo. Als es bei ihr nicht mehr ging und sie im Herbst zu entfernten Verwandten nach Perg kam, fand ihr Kater bei der Nachbarsfamilie Ahorner Aufnahme. Erzählungen zufolge schleicht er nach wie vor noch um sein früheres Zuhause. Vor wenigen Tagen starb Fini Gebetsberger, St. Thomas am Blasenstein verliert ein Unikat.



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