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  • bert brandstetter

Else Scharf aus Mining (1921 - 2020): Fit und rege in das hohe Alter

Bürgermeister Günter Hasiweder machte große Augen, als ihm Else Scharf anlässlich ihres 95-ers zeigte, was sie noch geschafft hat: Sie vollführte etliche Kniebeugen, setzte sich auf den Boden und stand auf, ohne sich irgendwo anzuhalten. „Ich habe noch nie jemand Älteren so rüstig erlebt wie die Frau Scharf“, sagt er und er berichtet über das größte Anliegen der damaligen Jubilarin, die natürlich völlig selbständig Kaffee und Kuchen aufwartete: „Ich brauche Leute, mit denen ich diskutieren kann. Die meisten Alten reden ja nur übers Wetter oder über ihre Krankheiten.“ Diskussionen, vor allem über die aktuelle Politik waren das Hobby von Else Scharf, die vornehmlich nach der Schrift gesprochen hat. Nicht, um sich von den Innviertlern um sie herum abzuheben, sondern weil sie das aus ihrer siebenbürgischen Heimat so gewohnt war. Brienne im rumänischen Donaudelta war ihre Heimat. Dorthin wurde die ganze Familie vom Schwabenland ausgesiedelt, dort brachten es ihre Eltern zu ansehnlichem Erfolg. Sie konnten es sich leisten, die begabte Else in das Lyceum nach Bukarest zu schicken, wo sie die mittlere Reife ablegte und beschloss, Krankenschwester zu werden. Der Krieg schwemmte sie nach Gmunden, wo sie in der Heilstätte Cumberland den verletzten Innviertler Militärmusiker und Zitherspieler Anton Scharf kennen und lieben lernte. 1944 war Hochzeit, Sohn Anton wurde geboren, der junge Ehmann musste aber noch in die Gefangenschaft. Else, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren konnte und das auch nicht wollte, zog in das Elternhaus ihres Mannes nach Mining. Die Zeit bis zur Rückkehr ihres Mannes schilderte sie immer als äußerst belastend. 1955 kam Wilfried zur Welt, in äußerster Sparsamkeit schaute sie auf das Wohl ihrer Familie und ermöglichte den Buben eine entsprechende Ausbildung. „Mama war schon stolz auf uns und sie war die Drehscheibe der ganzen Familie“, sagt Sohn Wilfried, der das musikalische Talent als gefragter Zithervirtuose wohl von seinem Vater geerbt hat, der 1965 starb. Else blieb alleine, kümmerte sich um Haus und Hof, zu dem früher Rinder, Schweine, Hühner und Katzen gehörten, schloss sich aber kaum irgendwelchen Vereinen an: „Da sind ja lauter alte Leute“, soll sie einmal gesagt haben, als sie eine Einladung zu einem Seniorentreffen ausschlug. Umso lieber bekochte sie ihre Familie: „Sie war so eine vorbildlich positive Frau, ich habe sie nie ungeduldig erlebt“, sagt Schwiegertochter Margit, die von Elses Kochkünsten schwärmt. Oder Rebekka, Elses Enkelin, die sich in ihrer Kindheit viel und gerne bei „Ami“ aufgehalten hat, wie sie immer genannt wurde. „Ihre Dampfnudeln, die Fingernudeln und ihr Apfelreis bleiben mir unvergessen.“ Mit Ami hat sie viel gesungen und ist die Gegend abmarschiert. Sich zu bewegen hat Else Scharf geliebt, selbst mit 96 vollführte sie laut Schwiegertochter Margit noch perfekte Rückwärtsrollen und versuchte, täglich 1000 Schritte zu gehen. Welch beeindruckende Erscheinung sie war, bezeugen unzählige Facebook-Postings auf die Todesnachricht. Viele Schüler und Freunde ihres Sohnes lernten sie kurz kennen, wenn sie das eine oder andere Mal bei einem Konzert oder einer Ehrung Wilfrieds anwesend war. Ein ehemaliger Mininger, der sie demnächst noch besuchen wollte, verbindet mit ihr, an deren Haus er am Schulweg täglich vorbeigegangen ist, „die letzte Person, die mich an meine Kindheit erinnert. Wir haben einander immer freundlich gegrüßt.“ Die letzten beiden Wochen verbrachte Else Scharf in einem Pflegeheim, wo sie friedlich ihre Augen schloss. Beim Begräbnis am Montag, 13. Jänner um 10 Uhr in der Pfarrkirche Mining wird Sohn Wilfried seine Zither auspacken: „Das bin ich meiner Mama einfach schuldig“.



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