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  • bert brandstetter

Dr. Wassif Nawar aus Hofkirchen im Mühlkreis (1938 - 2020): Vom Nil an die Donau

Wäre es nach dem Willen seiner Mutter gegangen, hätte Wassif sein Leben dort verbracht, wo die allermeisten Verwandten gelebt haben: Als Tischler in Banha am Nil, 40 Kilometer von Kairo entfernt. Wassifs Vater, Direktor der ägyptischen Filiale der Nähmaschinenfabrik Singer, hatte Größeres vor mit seinem 14. Kind. Weil sich Wassif leicht tat beim Lernen, empfahl er ihm, im Westen Medizin zu studieren. Obwohl die große Familie nicht reich war, sprach ihm der Vater finanzielle Unterstützung zu. Wassif übersiedelte mit einigen Kollegen nach Innsbruck, lernte die deutsche Sprache und studierte fleißig. Der plötzliche Tod seines Vaters machte ihn von einem Tag auf den anderen mittellos, weil der älteste Bruder die Unterstützung einstellte. Arbeiten in einer Brauerei, auf Baustellen oder am Linzer Hochofen machten das weitere Studium möglich. 1968 schaffte er mit der Promotion das große Ziel. Bei einem Praktikum an der Linzer Frauenklinik hatte er bereits die Hebamme und Krankenschwester Anna kennen gelernt. Nach seiner Zeit als Turnusarzt an verschiedenen Spitälern in Oberösterreich und Niederösterreich heiratete das Paar 1972 und freute sich über die Kinder Georg und Nadja. Kurze Zeit ordinierte Dr. Nawar in Ried im Traunkreis, bevor er 1976 Gemeindearzt in Hofkirchen wurde und an der Donau landete. Dort war die Freude groß, einen „so lieben und zuvorkommenden Doktor“ bekommen zu haben, wie Altbürgermeister Erich Moser sagt. Man könne über Dr. Nawar nichts Nachteiliges berichten, bestätigt Martin Raab, der jetzige Bürgermeister. „Er hat bei manchen Krankheiten mehr gelitten als der Patient, so feinfühlig war er“, weiß Raab, der vom Doktor bei einer Behandlung einst sogar eine Berufsempfehlung bekommen hat, nämlich doch selbst Medizin zu studieren. Dabei blickte Nawar auf eine durchaus schwierige Anfangszeit zurück. Als viele Straßen noch schlecht ausgebaut waren und er bei seinen Visiten im Winter mehrmals auf die Feuerwehr angewiesen war, um durch den tiefen Schnee zu kommen. Oder auch, wenn ihm, dem etwas dunkelhäutigen Ägypter die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde, wenn er irgendwo nach dem weiteren Weg fragen wollte. „Er war der klassische Lächler, dem man angesehen hat, dass er nett war“. So beschreibt ihn Wolfdieter Gottwald, der Obmann des Urfahraner Schachvereins, dem Nawar angehörte. Schach oder allerlei Brettspiele lagen Nawar besonders am Herzen. Oft und lange spielte er sie mit seinen Kindern und Enkelkindern, wenn er nicht auf dem Sportplatz war und den Hofkirchner Fußballern bei so manchem Tor zujubelte. „Er war so glücklich, wenn er dabei schreien konnte“, erzählt Gattin Anna, die ihm in der Ordination half und den Haushalt schaukelte. „Kaffee hat er Unmengen getrunken, dafür keinen Alkohol, obwohl er ihn als koptischer Christ hätte trinken dürfen“, sagt Anna Nawar. Die erklärte Lieblingsspeise ihres Mannes war der Schweinsbraten. Um seinen Patienten in Niederranna entgegen zu kommen und ihnen die sechs Kilometer weite Anreise zu ersparen, errichtete er für sie dort eine Zweitordination. Da wie dort immer dabei: Der große Schäferhund des Doktors, der bei manchen Patienten für Aufheiterung sorgte. 1998 ging Nawar in Pension und freute sich über den Titel „Medizinalrat“. Immer wieder besuchte der Arzt seine alte Heimat in Ägypten. „Während ich gerne länger dort geblieben wäre, zog es meinen Mann bereits wieder nach 3-4 Tagen zurück an die Donau“, erzählt Anna. Oft motivierte er sie und seine Kinder mit seinem Leitspruch: „Kopf hoch, sonst könnt ihr nicht die Sterne sehen!“ Bei einem schweren Sturz vor einem Jahr zog er sich eine Gehirnblutung zu und musste seither 24 Stunden am Tag betreut werden. Noch nie habe man einen geduldigeren Patienten erlebt, zitiert seine Frau, mit der er 48 Jahre verheiratet war, die beiden Pflegerinnen.




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