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  • bert brandstetter

Dr. Renato Haslinger (1928 - 2020): Feuriges Temperament in der Chirurgie

Wahrscheinlich hat Renato Haslinger nie lange nachdenken müssen, welchen Beruf er einmal ergreifen soll. Sein Vater dürfte ihm als Landarzt in St. Martin im Innkreis ein ideales Beispiel vorgelebt haben. Renato, der noch sechs jüngere Geschwister hatte, half dem Vater bald in der Ordination, indem er auf Pferdes Rücken Medikamente zu den Patienten transportierte. Sein Weg zur Matura wurde durch den 2. Weltkrieg unterbrochen. Mit 15 musste er einrücken, trug nach einer Explosion einen lebenslangen Hörschaden mit sich und landete in amerikanischer Gefangenschaft. Die Hörprobleme hinderten ihn nicht, sich neben seinem Medizinstudium in Innsbruck, wann immer es möglich war, sich an ein Klavier zu setzen und Stücke zu spielen, die er als Kind gelernt hatte. Renato war schon Turnusarzt am Krankenhaus Wels, als es zu einer schicksalhaften Begegnung kam. Eine junge Dame namens Lisbeth besuchte ihre Oma auf der Hautabteilung des Welser Krankenhauses. Diese zeigte ihr das Foto eines ihrer behandelnden jungen Ärzte und Lisbeth schien angetan davon. Kurz darauf rief diese Oma ihre Enkelin Lisbeth in einer dringenden Angelegenheit zu sich und wer stand leibhaftig vor ihr: Der fesche Turnusarzt vom Foto. „Das war im Mai 1958, im darauffolgenden November haben wir geheiratet“, sagt Lisbeth Haslinger. Ein Sohn und zwei Töchter gingen aus der Ehe hervor und es ist durchaus erwähnenswert, dass der Sohn Mediziner geworden ist und die Töchter im gesundheitlichen oder sozialen Bereich ihre Berufung gefunden haben. Eine große Freude für Renato Haslinger war es, dass mit Wolfgang der jüngste seiner neun Enkel, mit dem er den Geburtstag teilt, demnächst wiederum Mediziner wird. Renato selbst kam im Zuge seiner chirurgischen Ausbildung an das damalige Linzer AKH und von dort nach Grieskirchen. Aufgrund seines Könnens hätte er auch an größere Häuser gehen können, vielleicht lockte ihn am Landeskrankenhaus das chirurgische Brachland, das er dort vorfand, wie Kollegen vermuten. Dr. Haslinger zögerte nicht, mit dem ihm eigenen Temperament in Windeseile eine Chirurgie und Physiotherapie aufzubauen. „Er hat alles operiert, er hat amputiert, er hat praktisch alles gemacht,“ erinnert sich Franz Doblhofer, einer seiner Assistenten. Primar Haslinger war durchaus gefürchtet wegen seiner fallweisen impulsiven Ausbrüche. „Danach war alles wieder gut, er war niemals nachtragend“, erinnert sich Doblhofer. „Und er war gerecht“, ergänzt ein weiterer ehemaliger Assistent, Dr. Fereidoun Mahrousadeh. Er führt die harte Hand seines damaligen Chefs auch auf die Umstände zurück, unter denen früher der Spitalsbetrieb aufrecht erhalten wurde: „Wenige Ärzte waren für alle Betten des Hauses zuständig und oft hatten sie einen Monat lang durchgehend Dienst. Haslingers Nachfolger als Primar, Josef Romankiewicz bezeichnet sich und seine Kollegen von damals als „medizinische Alleinunterhalter.“ Bei Primar Haslinger musste „alles sehr schnell gehen und perfekt sein, er hat uns aber bei Problemen nie alleine gelassen“. Das Naturell von Renato Haslinger ist wohl auch seinem Erbgut geschuldet. Seine Mutter war eine feurige Italienerin aus Triest. Wie man es gerne Italienern nachsagt, war Haslinger aber auch ein enorm warmherziger Familienmensch. Manchmal konnte er trotz seines beruflichen Stresses daheim am Klavier erlebt werden. „Er spielte gerne Boogie und hat das mitunter auch auf Bällen zum Besten gegeben“, sagt Tochter Tanja Humer, die zu Vaters großer Freude im Zweitberuf als Jazzsängerin zu erleben ist und seine musikalische Begabung weiterträgt. Mit seiner Frau bereiste Haslinger praktisch die ganze Welt, sich selbst stählte er früher mit mehreren tausend Jahreskilometern auf dem Fahrrad. Seine geliebte Lisbeth betreute ihn, nachdem er an Demenz erkrankt war, in den letzten Jahren solange es ihr möglich war, persönlich. Die letzten Lebensmonate verbrachte Haslinger im Pflegeheim.



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