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Dr. Hilde Musil aus Linz (1929 - 2019: Ein Universalgenie der abendländischen Kultur

„Eine fantastische Professorin“, „von jedem Schüler geachtet“, „eine Weltklasse-Lehrerin“. Von Pädagogen, die von ehemaligen Schülern mit solchen und ähnlichen Superlativen bedacht werden, kann zu Recht behauptet werden, ihr Lebensziel erreicht zu haben. Auf Hildegard Musil trifft das uneingeschränkt zu. Dabei war es nicht das erste Ziel des in Linz als Hildegard Gamsjäger geborenen Mädchens, Lehrerin zu werden. Lieber wäre ihr ursprünglich eine wissenschaftliche Laufbahn gewesen, was sich schon abzeichnete, als Hilde 11 war. Damals fragte sie als junge Besucherin des Linzer Realgymnasiums ihren Vater, ob sie nicht Altgriechisch dazulernen dürfe. Der Vater stimmte zu, seine Tochter schaffte die Matura 1948 trotz der Mehrbelastung mit Auszeichnung. 1948 war zugleich das frühe Todesjahr ihres Vaters. Hilde übersiedelte nach Wien zum Studium der Fächer Deutsch, Geschichte und Altphilologie, vier Jahre später hatte sie ihren Doktor und die Chance, in Mainz eine Forschungsstelle anzutreten. Ihre zweite berufliche Möglichkeit, in der Linzer Handelsakademie Rudigierstraße unterrichten zu können, gefiel ihr dann aber doch mehr. Sie sagte in Mainz ab und holte in einem weiteren Studienjahr die Lehrbefähigung nach. 1955 stand sie zum ersten Mal vor einer Klasse, 36 weitere intensive Schuljahre sollten folgen. „Ihre Wohnung ist voll von Briefen und Fotos ihrer Schüler, mit denen sie auf ungewöhnliche Weise eng verbunden blieb und bis zuletzt enge Kontakte unterhielt“, sagt Wolfgang Schön, der selbst zwar kein Schüler von ihr war, aber den Freundeskreis anführt, der sich um Hildegard Musil geschart hat. „Bildung ist mehr als Ausbildung“, muss das Lebensmotto Musils gewesen sein, denn all ihren Schülern bleibt sie auch als Vermittlerin sehr lebensnaher Fertigkeiten in Erinnerung. Fußball-Präsident Leo Windtner sagt: „Frau Professor Musil hat uns nicht nur gut Deutsch beigebracht, sondern dafür gesorgt, dass wir auch Lebenskultur vermittelt bekommen.“ Musil zeigte ihren Schülern, die in den ersten Unterrichtsjahren ausschließlich Burschen waren, beispielsweise wie man richtig isst oder wie man sich in Gesellschaften zu benehmen hat. „Ihr Unterricht war Kabarett der besten Sorte“, sagt Gerald Mandlbauer, Chefredakteur der Oberösterreichischen Nachrichten als Schüler von Musils letzter reinen Bubenklasse: „“Sie war eine Humanistin, eine Generalistin der abendländischen Kultur“ und er spielt damit auf Musils gigantisches Allgemeinwissen an. Zugleich verstand sie es, kulturelle Details kleinster Kirchen ausführlich und spannend darzustellen. Waren ihre Zuhörer dann doch schon müde, war sie es, die ihnen 10 Kniebeugen empfahl, um sie wieder fit zu bekommen. „Konnte sie im Rahmen einer Stiftsführung das Haus bestens erklären, wusste sie anschließend aber auch über die Herkunft des Rotweines bis ins Detail Bescheid und verstand es sogar noch, über manche Speise ein literarisches Zitat beizusteuern“, sagt Mandlbauer. „Wir hatten eine Riesengaudi mit ihr und schätzten sie, weil sie jeden von uns zu fördern verstand“, erinnert sich Johann Penzenstadler von der Spänglerbank. Bewundernswert findet er, dass sie manchmal ihren Plattenspieler mitbrachte, um wichtige Tondokumente zu präsentieren. „Hilde Musil hat Schülern beigebracht, was Menschen ausmacht“, schwärmt Helga Lehner, einst Redakteurin der OÖN, sie spricht aber auch von Musils Konsequenz: „als Burschen einmal schwätzten, während sie ein Minnelied vortrug, wandte sie sich an die beiden: wenn Sie dabei schwätzen, werden Sie immer Büffel bleiben“. Theaterbesuche mit ihren Schülern in Linz und Wien waren für sie selbstverständlich. Kultur war Musil auch im Privatleben enorm wichtig. Schon mit ihrem Mann Clemens, den sie 1963 geheiratet hatte und der nach 41 Ehejahren 2004 starb, unternahm sie weite Kulturreisen. „Sie verstand es, uns jungen Menschen Kultur an den Originalschauplätzen enorm spannend zu erklären“, erinnert sich Patentochter Daniela Buder an viele gemeinsame Ausfahrten. „Ganz wichtig war Hilde zweifellos der Glaube und die Hoffnung auf eine Auferstehung“, weiß Buder über die kinderlos gebliebene Patentante, die zugleich aber nicht zurückhielt, wenn sie an der Organisation der katholischen Kirche etwas auszusetzen fand. In vielen Leserbriefen gab sie ihrem Unmut mitunter kräftigen Ausdruck. Soziales Engagement hatte weiters einen wichtigen Stellenwert im Leben der resoluten und eleganten Dame, die in Linz gerne mit dem Minirad unterwegs war. Als Präsidentin der Vinzenzgemeinschaft kümmerte sie sich um einen möglichst würdigen Lebensabend ihrer Mitmenschen. Einer der Höhepunkte ihres Lebens mag die Verleihung des Mostdipf im Jahr 1984 gewesen sein. „Sie bekam ihn als Universalgenie und als unbestritten gebildete und zugleich witzige Frau“, heißt es aus der Redaktion. Technischer Hilfsmittel bediente sich Hilde Musil, die in ihrem letzten Dienstjahr noch die Leitung der HAK übernommen hatte, nicht gerne. „Sie hatte weder Handy noch Computer, sondern das allermeiste noch im Kopf“, wie ihre Patentochter schmunzeln anmerkt.



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