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Dr. Herbert Plass aus Linz (1926 - 2021): Kinderarzt mit universellem Interesse

Aktualisiert: März 5

Goethes Faust konnte er passagenweise völlig auswendig rezitieren, aber auch in naturwissenschaftlichen Fragen überraschte er seine Familie immer wieder mit seinem großen Wissen. Sechs Kinder scharten sich um Herbert Plass und seine Frau Elfriede, bei längeren Autofahrten vertrieb er ihnen gerne die Zeit durch Prüfungsfragen aus allen möglichen Gebieten. Kennen gelernt haben sich die beiden 1943 während eines Linzer Sportfestes. Herbert hatte gerade nach seiner Zeit im Stiftsgymnasium Kremsmünster die Kriegsmatura abgelegt und stand vor seiner Einberufung. Was er in den darauffolgenden Jahren erlebt hat, behielt er stets bei sich, so sehr ihn seine Kinder auch danach gefragt haben. Bitterarm, ausgestattet bloß mit einem Koffer voller Erdäpfel, begab er sich nach dem Krieg nach Innsbruck zum Medizinstudium, das er 1951 in Rekordzeit abschloss. Zwei Jahre zuvor heiratete der aus St. Valentin stammende Sohn eines Rechtsanwalts seine Elfriede und absolvierte den Turnus, bevor er sich am Kinderkrankenhaus, das damals in Haid angesiedelt war, zum Kinderarzt ausbilden ließ. 1959 eröffnete er in der Linzer Gürtelstraße nahe dem Bulgariplatz seine Ordination. Sie war eine der wenigen Kinderarzt-Ordinationen in Linz, dementsprechend hoch war die Frequenz. „Wir hatten bis zu 150 Kinder am Tag zu betreuen“, sagt Maria Bauernfeind, die Dr. Plass ab 1975 als Assistentin zur Seite stand und als eine seiner ehemaligen Patientinnen bis zum Schluss mit ihm Kontakt hatte. „Bei ihm hatte ich meinen ersten Posten und bin ihm immer noch dankbar, weil er mir soviel beigebracht hat.“ Wie früher durchaus üblich, war die Anrede der beiden durchaus ungleichgewichtig: „Er hat zu mir Du gesagt, ich war per Sie mit ihm“. Sein einziges Interesse in der Behandlung galt der Gesundheit der Kinder. „Was wäre, wenn das meine Kinder wären“, soll er in manch schwierigen Situationen gesagt haben. So fragte er häufig im Spital nach, wenn einer seiner Patienten eingeliefert werden musste. Regelmäßige Hausvisiten standen sowieso auf seinem Arbeitsprogramm. „Gab es Epidemien, war Vater von sieben Uhr früh bis 23 Uhr unterwegs“, erzählt Tochter Elke Plass, die auch von Patienten berichtet, die in der Freizeit zu ihm ins Wochenendhaus nach Pregarten gebracht wurden. „Der Vater hat ihnen geholfen, einmal setzte er ein Mädchen mit Gehirnhautentzündung kurzerhand ins sein Privatauto und chauffierte es ins Krankenhaus“. Ein guter Geschäftsmann sei Dr. Plass nicht gewesen, aber ein unglaublich guter Diagnostiker, sagt seine Assistentin, die für ihn auch die Abrechnungen erledigte. Als Vater seiner sechs Kinder erlebte ihn Tochter Elke „sehr streng. Wir hatten Dauer-Lockdown ohne Fortgehen während der Schulzeit“. Die gemeinsamen Wochenenden zuerst im Stein-, später im Holzhaus seien „für uns Pubertierende ebenfalls die Hölle gewesen, drei Kilometer abseits der Zivilisation ohne Fernsehen“. Was sie damals gehasst hat, liebt sie als Erwachsene heute umso mehr. Ihr Vater konnte noch vor wenigen Wochen, betreut von seiner Pflegerin, die Terrasse betreten und Natur und Wanderer beobachten. Früher ließ er sich als geprüfter Jäger gerne zur Jagd einladen, mit seinem Boxerhund war er viel unterwegs in der Gegend und alle zwei Wochen fuhr er abends nach Linz. Dort traf er sich im Breitwieserhof mit seinen Altkremsmünsterer Kollegen beim Kegelscheiben. „Der Herbert war äußerst gesellig und er genoss es, mit uns gut zu essen“, erinnert sich Gottfried Hermann, ein etwas jüngerer Kollege. Er und seine Kameraden haben selbstverständlich die Kinder zu ihm geschickt, wenn sie krank waren. Der Ruf von Herbert Plass als hervorragender Kinderarzt war längst weit verbreitet. Während sich seine Elfriede in hervorragender Weise um den großen Haushalt kümmerte, schlug Herberts Stunde mitunter im Sommer beim Grillen. Auch Kollegen aus Linz fanden sich dabei manchmal ein und sie erlebten Herbert als hervorragenden Gastgeber. In seinen letzten Lebenstagen wurde er müde und es scheint, als hätten jetzt ihn schlimme Erfahrungen in seiner Jugend eingeholt, weil er plötzlich über Albträume aus dem 2. Weltkrieg klagte: „Hitler kommt, wir müssen marschieren“, sagte er zu Tochter Elke. Bloß fünf Tage sei er bettlägerig gewesen. Während sein Gehör bereits sehr schlecht war, konnte er bis zum Schluss ohne Brille lesen. Mit Vorliebe studierte er noch immer aktuelle Entwicklungen in der Medizin.




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