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Carla Weinzierl aus Wien (1987 - 2020): Kämpferin ohne jeden Kompromiss

Was muss passieren, dass ein Mensch in der Blüte seiner Jahre an der Welt verzweifelt. Diese Frage beschäftigt gerade alle, die vom freiwilligen Tod Carlas erfahren haben. Gar nicht verschämt hat die junge Frau ihren Freitod auf sozialen Netzwerken öffentlich gemacht: „Ich entschließe mich als weißer, global gesehen in jeder Hinsicht privilegierter Mensch ohne offenkundige Sorgen zum Freitod.“ So beginnt ihr mehrseitiger Erklärungsversuch über diesen Schritt. Carla wächst in Salzburg auf und erfreut ihre Familie mit extrem guten Leistungen im akademischen Gymnasium, macht aber zugleich ungewöhnlich bald, schon mit etwa 12 Jahren mit ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn aufmerksam. Während andere Mädchen in diesem Alter vielleicht noch Freude an Gesellschaftsspielen haben, „begann ich mich über das, was wir heute als imperiale Lebensweise bezeichnen, zu echauffieren“, wie sie in ihrem Abschiedsmanifest schreibt. „Der Spaß daran, manche gewinnen und andere verlieren zu sehen, hat sich mir nie erschlossen“. Carla reflektiert auch kritisch, schon damals ihren Mitschülern „mit meinem andauernden Gerede über Kolonialgeschichte, die historische Schuld europäischer Gesellschaften und die koloniale Ausbeutung Afrikas“ auf die Nerven gegangen zu sein. Nach der Matura begibt sich Carla für zehn Monate nach Uganda, um dort mit Kindern zu arbeiten, ihnen etwa Schwimmen beizubringen. Voller Freude verbringt sie zum Abschluss dieser Phase einige Tage gemeinsam mit ihrer Familie in Tanzania und auf Sansibar. Danach beginnt Carla in Wien zu studieren, und zwar extrem intensiv: In kürzester Zeit absolviert sie drei akademische Studien, eines davon in Paris. Als fertige Volkswirtschafterin betätigt sie sich mit voller Kraft als Aktivistin gegen alle möglichen Ungerechtigkeiten. Immer wieder sollte sie nach Afrika zurückkehren. Daheim in Wien widmet sie ihre ganze Kraft einer politisch-sozialen Organisation. Dort kann sie ihre Überzeugungen und Erfahrungen einbringen. So sehr, dass sie in den Vorstand gewählt und später Vereins-Obfrau wird. Carlas kompromisslose und absolut radikale Ideen beginnen ihre Mitstreiter aber nach und nach zu verstören. „Sie war hochengagiert. Ihre kompromisslose Art, Dinge durchzuziehen, wurde aber zusehends als krank angesehen“, sagt ein ehemaliger Mitstreiter. Alle möglichen Versuche der Moderation, der Krisenintervention, ja, der Psychotherapie, können nichts bewirken, weshalb man sich von Carla Weinzierl trennt. Man sehe vieles anders, als Carla das jetzt darstelle. Diese Trennung ist ein tiefer Schock für Carla, ihre Existenz gerät ins Wanken. Ein wenig Halt findet sie für zwei Jahre als Geschäftsführerin der Organisation NeSoVe, die sich um ein soziales, ökologisch gerechtes Europa bemüht. Dafür erhält sie in einem APA-Bericht nach einer Fotoaktion vor der UNO-City Ende Dezember 2019 die Schlagzeile „Rote Karte für Fouls der Konzerne“. Ende 2019 scheidet sie aber auch von NeSoVe aus, diesmal erfolgt die Trennung einvernehmlich und in großer Wertschätzung, wie auch NeSoVe in seiner Traueraussendung bekundet. „Ich möchte nicht, dass mein Freitod als die Handlung einer offenbar einsamen, nicht geliebten, hoch verschuldeten Verzweifelten interpretiert wird“, schreibt Carla in ihrem Abschiedsbrief Anfang März. Nichts davon stimme. Ihre familiären, wirtschaftlichen und persönlichen Verhältnisse seien beneidenswert, sie bedaure ihren Freund, mit ihrem Selbstmord konfrontiert zu werden. Sie bilde sich nur ein, all diese Liebe nicht genießen zu dürfen, „solange ich für das Wohlergehen der anderen Menschen nicht zumindest auch kämpfe“. Weil Revolution ohne Musik nicht gehe, verschenkt Carla als letzte Verfügung alle ihre Musikinstrumente an Menschen, die damit „ermächtigende Musik machen werden“.




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