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Bruno Gabriel aus Linz (1940 - 2021): Journalist und Opernfreund

Eine kleine Vorspeise, ein exquisites, wenn möglich französisches Hauptgericht, dazu ein Glas passender Wein, zur Nachspeise gerne Creme brûlée und zum Abschluss ein Schluck feiner Calvados. So oder so ähnlich sahen Einladungen aus, die Bruno Gabriel an Freunde oder Verwandte aussprach. Am Herd stand er selbstverständlich höchstpersönlich: groß gewachsen, die Ruhe in Person und in der Lage, zu jedem Gericht bei Bedarf eine kleine Geschichte zu erzählen. Bruno Gabriel liebte Frankreich, seine Küche, seine Sprache und seine Menschen. Woher diese Beziehung stammt, wissen seine Verwandten nicht. Sie war einfach da. Das Französische war aber bei weitem nicht die einzige Leidenschaft im Leben dieses Journalisten, den wegen seines feinen historischen Gespürs möglicherweise auch sein Geburtstag am 20.4. zum überzeugten Antifaschisten geprägt hat. Bald nach der Matura trat Gabriel in die Kulturabteilung des Linzer Magistrats ein und konnte dort seine kulturelle Leidenschaft nachhaltig entwickeln. Unter seiner Mitwirkung, oder war er gar der Erfinder, wie manche meinen, wurde das Linzer Schlossparktheater gegen so manchen Widerstand in die Welt gesetzt. 2019, kurz vor der Pandemie, wäre es in seine 60. Saison gegangen. Längst hatte sich Bruno Gabriel als nebenberuflicher Kulturkritiker einer Tageszeitung bekannt gemacht. Franz Lettner, kulturelles Urgestein der AK und ebenfalls Zeitungskritiker, beschreibt Gabriel als „sehr gescheit und witzig“. Trotz seines inzwischen erworbenen Amtsrats-Titels beschloss Bruno Gabriel 1981, dass es Zeit wäre für eine Veränderung. Seine neue hauptamtliche Wirkungsstätte war bis zu seiner Pension im Jahr 2000 die Medienabteilung der Arbeiterkammer Oberösterreich. Der damalige Kollege Helmut Starzer erinnert sich: „Der hat uns verblüfft, weil er wie ein wandelndes Lexikon war. Er hat sehr präzise gearbeitet und wir hatten eine sehr gute Zusammenarbeit“. Das äußere Markenzeichen Gabriels war seine Pfeife, manchmal trug er auch eine Kappe wie der deutsche Kanzler Helmut Schmidt, erinnern sich Kollegen. Kennengelernt hat Gabriel auch noch der heutige AK-Präsident Johann Kalliauer: „Bruno Gabriel ist mir als Journalist des alten Zuschnitts deshalb in guter Erinnerung, da er nicht nur sein enormes Wissen in unaufgeregter Weise vermitteln konnte, sondern auch so manch aufgeregtem jungen Gewerkschaftssekretär wie mir mit Ruhe und Gelassenheit begegnete.“„Beliebt, belesen, musikbegeistert“: So charakterisiert Wolfgang Zeintlhofer seinen ehemaligen Kollegen, der mit ihm die Begeisterung für große Opern teilte. Gemeinsame Reisen zu Opernaufführungen, aber auch musikalische Abende im privaten Rahmen machten beide zu Freunden. Zeintlhofer weiß daher auch über die umfangreiche Tonträger- und Partiturensammlung Bescheid, die sich Gabriel im Lauf der Jahre angelegt hatte. Manche Besucher bekamen in Gabriels Wohnung daher nicht nur kulinarische Spezialitäten serviert, sondern erlebten im akustischen Hintergrund die eine oder andere Oper von Richard Wagner. Markant veränderte sich Gabriels bisher sehr ruhiges Leben durch die Hochzeit mit Elisabeth, die er in den 1980-Jahren heiratete und die mit ihren zwei mitgebrachten Buben viel Leben in die Wohnung brachte. Von seinen jährlichen Opernfahrten, etwa nach Bayreuth, ließ sich Gabriel davon aber nicht abbringen. Gemeinsam mit seiner Frau startete er außerdem, die Welt besser kennen zu lernen. China, Japan, die USA und viele andere Länder wurden zu ihren Reisezielen. „Mit Bruno konnte man sich wunderbar unterhalten, er war ungemein gebildet, sehr witzig und verständnisvoll“, schwärmt die Neurologin Margit Blüml, eine angeheiratete Cousine. Etwas geheimnisvoll gestaltete sich für die Außenwelt seine angebliche Mitgliedschaft bei einer Freimaurerloge. Geredet habe er nie viel darüber, nur dass er dort sogar so etwas wie ein General gewesen sei, wird in der Verwandtschaft gerne getuschelt. Vor zehn Jahren starb Brunos Gattin Elisabeth und er wurde wieder zum Einsiedler. Als gelernter Genussmensch habe er fast täglich weiter für sich gekocht und natürlich auch seine Opernfahrten fortgesetzt. Eines der letzten Geburtstagsgeschenke seiner Freunde wäre eine inzwischen coronabedingt abgesagte Aufführung von Wagners Walküre am 20. April, seinem Geburtstag, in der Wiener Staatsoper gewesen. Schwindelanfälle und Sehstörungen beeinträchtigen seine letzten Monate. Den Tod fand er ohne jede größere Vorwarnung. Seine Parte ziert der für ihn gut passende Spruch des Dichters Jorge Luis Borges: „Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.“



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