Suche
  • bert brandstetter

Alfred Pichler aus Linz (1958 - 2020): Kapitän für sichere Geldanlagen

Er war ein sehr stiller und zurückhaltender Mann, von dem nicht einmal seine Kollegen viel Privates gewusst haben. Eines war offensichtlich: seine Leidenschaft war der Beruf als Bankangestellter. Die Privatkunden, um die er sich seit vielen Jahren zu kümmern hatte, waren sein Ein und Alles. Ihnen vermittelte er das Gefühl, mehr um ihre Geldgeschäfte besorgt zu sein als sie selber. Nie aufdringlich, immer vorsichtig und bemüht, die Wünsche der Anleger zu erspüren, das war Alfred Pichler. Pünktlich wie die Uhr, freundlich und ausgesprochen höflich: Ihm vertrauten sich viele mit ihren Geldsorgen gerne an und er konnte sie zufriedenstellen. Persönliches ließ er gegenüber seinen Kunden kaum jemals durchblitzen. Vielleicht einmal rund um seinen 60-er, wo er schon meinte, sich allmählich auf die Pension vorzubereiten. Im Kollegenkreis fühlte er sich jung und kürzlich fast erschrocken, als er merkte, bereits der dienstälteste Kollege zu sein. Die Firma war ihm wie eine vertraute Familie. Im Kollegenkreis gab er sich lustig und gesellig, sogar zum Tanzen war er aufgelegt und meistens verließ er als Letzter manch abendliche Feierrunde. Aufgewachsen ist Alfred Pichler mit zwei jüngeren Brüdern und einer Schwester auf einem Bauernhof in Feldkirchen an der Donau. „Er war der, der sich bei uns nach dem Tod unseres Vaters vor 20 Jahren um alles gekümmert hat“, sagt Bruder Wolfgang Pichler. Ob es der Bau seines Hauses oder die Landwirtschaft des anderen Bruders am Elternhaus war: Alfred managte Geldangelegenheiten, er half im Wald und vor allem: Er kümmerte sich intensiv um die Blumen. Die Mutter der Pichlers befindet sich in einem Seniorenheim und Alfred widmete auch ihr viel freie Zeit. Vielleicht spielte er so wie in jungen Tagen daheim das eine oder andere Mal die Gitarre. Auch ausgedehnte Reisen in die ganze Welt waren früher ein Markenzeichen von Alfred Pichler. Oder er dachte an seine Bootstouren, die er früher als Bootsführer unternommen hatte und von denen er manchmal sprach. Seine Kollegen in der Oberbank Linz-Dornach versahen ihn deshalb spaßeshalber mit dem Titel „Kapitän“. Vor allem aber dachte er an die Anlagen seiner Kunden, auch schon, als er seit zwei Wochen im Krankenstand war. Nicht im Büro sein zu können, war ihm unangenehm, wie sein Chef Christian Süßner berichtet. „Der Arzt bescheinigte ihm, Corona-positiv zu sein“, erzählt Wolfgang Pichler. Eine Spitalseinweisung sei jedoch als nicht nötig befunden worden, weil sich nach einigen Tagen eine leichte Besserung ergab. Wie sich zeigen sollte, war diese Besserung leider nur kurzfristig. Als ihm Wolfgang vergangenen Sonntag Essen bringen wollte, fand er Alfred tot im Bett vor.



299 Ansichten

0043 664 4559171

©2019 Gute Nachrede. Erstellt mit Wix.com